Die Seele des Schnees
27 - Jan - 2015

Die Seele des Schnees

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SCHNEE. Er ist, was er ist, der Schnee. Gefrorenes Wasser. Kalt und weiß und nass. Meinen viele. Dabei ist Schnee zusammengefügt aus Millionen Kristallen, keiner wie der andere und unglaublich wandelbar. Schnee ist ein Mysterium.

"Ein Juwelier der Schnee. Er modelliert, wohin er fällt."

Dürs Grünbein, Vom Schnee oder Descartes in Deutschland, 2003

Sie nannten ihn „Schneeflockenmann“.

Wilson Bentley

Wilson A. Bentley, 1865 in Jericho, Vermont (USA), geboren, im Hauptberuf Farmer, daneben Schneeforscher. Letzteres sicherte ihm einen Platz in der Wissenschaftsgeschichte. Als einer der ersten Menschen fotografierte er Schneekristalle unter dem Mikroskop. Das Verfahren dafür hatte er selbst entwickelt. Insgesamt lichtete er im Laufe seines Lebens rund 5000 Schneekristalle ab. Aufgrund dessen, was er durch die Linse sah, stellte er die kühne, aber faszinierende These auf, dass kein Kristall dem anderen gleiche: Jedes sei ein Unikat. Interessierte konnten das in seinem 1931 veröffentlichten Buch „Snow Crystals“ nachlesen. 2400 Fotografien von Schneekristallen waren darin abgebildet. Das eine Bild schöner als das andere. Der Schnee, diese kompakte, kühle Masse, wurde plötzlich mit anderen Augen gesehen. Ein Wunder, zusammengefügt aus Millionen unterschiedlich geformten Kristallen. Jedes eine Schönheit. Jedes ein Einzelstück. Vollkommen.

Schnee ist einfach herrlich

Winterwandern

Vom fluffigen Neuschnee, der sich wie eine luftige Decke über den Boden breitet, bis zum Feuchtschnee, der sich hervorragend dazu eignet, Schneemänner zu bauen oder Schneebälle zu formen. Und Wandern durch eine Schneelandschaft ist mit Nichts zu vergleichen. Es heißt fokussieren auf das Wesentliche, denn die Natur hält vor allem eines bereit: Weiß in Weiß und über Weiß. Wenig lenkt einen von sich selber ab. Der Wanderer lauscht seinem Atem, seinem Herzschlag, seinen Gedanken. Diese heben sich in die kalte Winterluft, senken sich in das anschmiegsam knirschende Weiß unter den Füßen. Winterwandern heißt Entschleunigung, heißt wandeln in einem Mysterium. Schritt für Schritt.

Formschön

Die Seele des Schnees

Wer Bentleys Buch heute öffnet, dem stockt schier der Atem. So unglaublich formen- und facettenreich, so unbeschreiblich filigran und zart und flächig sind die Kristalle. Bei tieferen Temperaturen sind die Gebilde, die entstehen, einfacher: Plättchen oder Prismen. Bei höheren Temperaturen sind es komplexere Strukturen. Bei frischem Neuschnee zum Beispiel sind die Eiskristalle fein verzweigt und mit spitzen Zacken. Aus den Grundformen entwickeln sich durch Temperaturveränderungen unzählige Mischformen. Der Schneewanderer darf sich das wie eine Schneeflocke auf der Zunge zergehen lassen: Es gibt mehr Formen an Eiskristallen im Weltall als Atome. Ist das nicht unglaublich?

Faszinierend auch:

Die Seele des Schnees

Schneekristalle sind symmetrisch. Die  Verästelungen wachsen nicht nur in ähnlicher Weise, sondern auch in ähnlicher Geschwindigkeit. Ein Wunderwerk der Natur, an dem man sich nicht satt sehen kann. Nicht von ungefähr sitzen Kinder fasziniert am Fenster und schauen den Eisblumen beim Wachsen zu, verfolgen die Verästelungen bis ins kleinste Detail, selbstvergessen. Auch Erwachsene können den Blick kaum lösen von dieser Schönheit, geboren aus Wasser und Kälte – und dahingerafft mit einem Atemhauch, einer leichten Berührung.

Die Metamorphosen des Schnees in freier Natur sind nicht minder spannend.

Die Seele des Schnees

Am Arlberg ganz besonders. Ein Spaziergang im winterlichen Lech Zürs am Arlberg, der kann einen in alle Himmelsrichtungen führen, hinein ins Zuger Tal, hinauf zum Kriegerhorn oder dem Rüfikopf, oder über den sanft geschwungenen Tannberg Richtung Bürstegg. Überall ist die Landschaft in ein weiches weißes Kleid gehüllt. Bei jedem Schritt knirscht der Schnee unter den Schuhen. Und in jedem dieser Momente, wo die Sohle auf den Schnee trifft, drückt sie auf tausende Kristalle, die sich gleichsam zurückziehen, sich verwandeln, zu neuen Formen zusammenfügen und die Konsistenz des Schnees verändern. Ist das nicht wunderbar? Der Gedanke: Dass da etwas Neues entsteht, in dieser Sekunde, neue kristalline Formen erblühen, während andere vergehen. Atemberaubende Schönheit, unsichtbar für das freie Auge.

Winterwandern

Hinabblicken auf das Dorf, dessen Wintermantel unter den warmen Strahlen der Sonne in allen Farben glitzert, diamantengleich. Sich rückwärts fallen lassen, hinein in den weichen Untergrund, und Engelsflügel formen mit den Armen. Dem Atem zuschauen, wie er in Wölkchen aufsteigt, sich zu Fäden verdünnt und verflüchtigt im blitzblauen Himmel. Mit nichts zu vergleichen dieser Moment. Ein besonderer Augenblick, so vergänglich wie ein Schneekristall. Die in der kalten Jahreszeit tief stehende Sonne kitzelt atemberaubende Glamoureffekte aus den Kristallen. Das Schneeweiß reflektiert, Lichtpunkte flirren auf der Netzhaut. Hier und dort ächzt vielleicht ein Ast, der die Schneelast nur mit Mühe halten kann. Er wirft sie ab und Millionen Kristalle fallen vom Himmel, spiegeln wie Silberstaub in der Luft.

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Der Wanderer sieht plötzlich Frau Holle, die ihre Fenster weit aufreißt und ihre Betten schüttelt, dass es eine Freude ist. Sie schenkt dem Wanderer unendlich glitzernde Weite am Tannberg, herrschaftliche Berggipfel, die wie gigantische Zapfen aus dem Weiß stoßen, so weit das Auge reicht, am Rüfikopf und im Zuger Tal Wälder mit wollweichen Hauben. Alles dazu angetan, das Ungestüme zu verbergen, das im Schnee liegt. Das gefährlich werden kann, unberechenbar. Der Schnee hat nicht nur ein schönes Gesicht.

Glitzernd

Schneehühner am Gaisbühl

Die Winterwanderwege aber in Lech Zürs führen einen sicheren Schritt zu den magischen Orten, die es gibt zuhauf in der Gegend. Waldlichtungen, wo die Sonne durch die Wipfel stößt und die Schneehaube Atemwölkchen aushauchen lässt. Wo Futterstellen zu finden sind, die von den Jägern befüllt werden. Hier gilt, die Tiere nicht zu stören, sie sind geschwächt durch die kalte Jahreszeit. Wenn man sich ruhig verhält, dann aber kann man sie beobachten. Wie sie sich vorsichtig nähern, Stapfer um Stapfer, die Rehe, die Hirsche, die Gemsen. Voller Anmut. Möglicherweise sieht der Wanderer auch ein scheues Schneehuhn, das aus seinem Unterschlupf kommt, einen Adler, der durch die Lüfte gleitet.

Die Seele des Schnees

Später, sich nicht nur in den Schnee fallen lassen und Engelsflügel formen, sondern das Gesicht in den weichen, flaumigen Schnee drücken, spüren, wie der Schnee kleine kalte Blitze auf der Haut zündet, dann zurückweicht. Die plötzliche Stille. Dem Schnee bei der Veränderung lauschen. Wenn der Kopf wieder auftaucht, ist das Weiß darunter neu geformt, hat der Schnee eine andere Konsistenz, haben sich die Kristalle verändert und zu einer neuen kompakten Form zusammen-gefügt: die Nase, der Mund, die Augen, ein grobes Abbild des Gesichts in die Vergänglichkeit gepresst. Besonders faszinierende Formen ergeben sich, wenn die Temperaturschwankungen groß sind, wenn der Wind sich einmischt. Dann fügen sich Kristalle gern zu Fächern zusammen, spitz, filigran in den Himmel ragend, wie die Verästelungen eines Blattes, die Flügel eines Insekts. Mondlandschaften, bizarre Formationen, Wellenschläge. Eine neue Landschaft in der Landschaft, die das Darunter nur erahnen lässt.

Die Seele des Schnees

Zart, durchscheinend, geradezu seidig bei näherer Betrachtung – und mit einem Atemhauch angegriffen, mit einem Darübergleiten der Hand gebrochen, sich wieder zusammenfügend, in einer nicht minder faszinierenden Form, als hätte es diesen Eingriff nie gegeben. Als würden sich die Kristallen neu erfinden, ewiglich. Ist das nicht mystisch? Die Sonne, wie sie die Kristalle zum Tanzen bringt, jetzt in diesem Augenblick, sofort reagierend, aber irgendwie auch trotzig, das Gesicht ständig verändernd, unfassbar, unbegreiflich, ein Universum für sich. Die Sonne primär, Wind und Wetter, jedes Reh, das durch den Schnee stapft, jeder Vogel, der sich vorsichtig auf einem schneebedeckten Ast niederlässt, jeder Wanderer, der durch die Winterlandschaft streift, bringt die Kristalle dazu, zu reagieren.

Cineastic Gondolas SnowVisuals © P.Ionian

Man blickt hinauf in die Wolken, die Schneeflocken entlassen, Wattebäuschen gleich. Beobachten, wie sie heruntertänzeln. Eiskristalle, lauter Eiskristalle, die, miteinander verklebt, so tun, als wären sie ein Ganzes. Das ist magisch, mit nichts zu vergleichen. Keinen Gedanken verschwendet der Wanderer daran, dass die Schneeforscherin Nancy Knight 1988 in einem Aufsatz die Fotos von zwei Schneeflocken veröffentlichte – augenscheinlich identisch. Mumpitz. Schneewanderer schütteln den Kopf und halten sich an Bentley, den „Schneeflockenmann".

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