Lech Zürs Tourismus by Christoph Schoech
12 - May - 2017
von Hannes Heigenhauser

Berauschung ohne Nebenwirkung

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Zahlreiche Untersuchungen beweisen, dass Wandern unter anderem die Fitness steigert, die Herz-Kreislauffunktionen verbessert, das Gewicht reduziert, das Immunsystem stärkt. Auch die Wirkungen auf das Gehirn sind wissenschaftlich belegt. Während die positiven Effekte des Ausdauersports auf die körperliche Gesundheit bestens bekannt sind, sind die Auswirkungen auf die Psyche kaum erforscht. Prof. Dr. Reinhard Haller hat dazu einen eigenen Standpunkt.

Wandern aktiviert unser zentrales Belohnungssystem...

Wandern im Seelenland Lech am Arlberg

... und regt mehrere wichtige Hirnareale an. Die Ausschüttung der für die Gefühlslage zuständigen Botenstoffe Dopamin, Serotonin und Endorphin wird verstärkt, wodurch ein ähnlicher Effekt wie durch Hypnose oder Meditation ausgelöst wird. Wandern führt gleichsam zu einer positiven Berauschung ohne gefährliche Nebenwirkungen.
Der Ausdauersport, speziell das Bergwandern, hat einen positiven Effekt auf unseren Lebensrhythmus, auf das Schlafverhalten, auf die Stimmung und das Selbstwertgefühl. Dies beginnt mit dem Einfluss von Landschaft und Licht auf Gefühlswelt und Charakter und hat mit den gerade in der Bergwelt intensiv erlebten Emotionen von Geborgenheit und Vertrautheit, aber auch von Erhabenheit und Demut zu tun. Das Wandern geschieht nicht nur nach außen, sondern auch nach innen: Es begünstigt unser Streben nach natürlichem Leben und gesundem Körperempfinden. Körperempfinden fördert Disziplin und Durchhaltevermögen und gibt uns auch in psychologischer Hinsicht Ziel und Sinn.

Steigende Glückshormone...

Lech Zuers Tourismus ©Hanno Mackowitz

... Viele Grundziele, die in der Psychotherapie erfüllt werden sollen, werden durch Bergwandern befriedigt. Zum einen die Bindungsfähigkeit durch Natur und Region, zum anderen der Wunsch nach Orientierung und Klarheit. Die Ausdauerbewegung stärkt die Selbstkontrolle genauso wie das Durchhaltevermögen oder die Selbstdisziplin. Ausdauersport gibt durch einen Anstieg der körpereigenen Glückshormone einen Lustgewinn und wirkt meditativ. Wir wandern der Depression davon und überwinden durch Wandern den schweren Berg der Traurigkeit. Hinzu kommt noch der „Höhenrausch“: Also ein Zustand des angenehmen „Abgehobenseins“ oder des nahezu rauschhaften Empfindens. Im Erklimmen von Bergen und im Erkämpfen eines hohen Ziels stärken wir unseren Selbstwert und gewinnen ein positiveres Selbstbild.

Die Welt von oben...

Rüfi Berg - Geheimnisvolles Lech

… Gerade das Wandern hilft uns, von den Sorgen und Nöten des Tages Abstand zu gewinnen. Wir laufen ihnen gleichsam davon, erwandern neue Perspektiven und erreichen dadurch Distanzierung und Autonomie. Aus der Höhenperspektive wird vieles kleiner, die Probleme des Alltages werden vergessen und viele Konflikte unwichtig. In der Erhabenheit der Berge relativiert sich so vieles, was uns sonst wie ein unüberwindbarer Berg erscheint.

„Wandern hilft uns, von den Sorgen und Nöten des Tages
Abstand zu gewinnen.“

- Prof. Dr. Reinhard Haller 

Wandern im Seelenland Lech am Arlberg

Ausdauersport jeglicher Art ist ein ausgezeichnetes Mittel zur Kanalisierung der Kräfte und zur Abfuhr der Aggression. In der Schönheit der Natur und im Erwandern neuer Landschaften werden Fantasie und Kreativität angeregt. Regelmäßiger Ausdauersport ist eine sehr gute und leicht erlernbar Meditationsform und trägt zur Persönlichkeitsentwicklung bei. Ohne Verbrämung und Romantisierung und ohne falsche Heilsversprechungen kann Wandern als eines der wirksamsten Medikamente bezeichnet werden. Würde es gelingen, eine Pille auf den Markt zu bringen, die alle jene körperlichen und psychischen Effekte wie das regelmäßige Wandern hat, wäre dies das mit Abstand meist verkaufte Pharmakon der Welt. Wandern kann keine Wunder vollbringen, es kann aber psychischen Störungen vorbeugen, psychische Leiden lindern und manchmal psychische Krankheiten heilen. Nicht, weil von der Psychotherapie so wenig, sondern vom Wandern so viel zu halten ist.

Prof. Dr. Reinhard Haller

Prof. Dr. Reinhard Haller (c) Lech-Zürs Tourismus

Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. Er leitet seit 30 Jahren das Vorarlberger Behandlungszentrum für Suchtkranke. Seit 1983 ist er als Kriminalpsychiater und Gerichtsachverständiger tätig und verfasste u. a. Gutachten in den Fällen des Sexualmörders Jack Unterweger und des Amoklaufs von Winnenden. 2003 wurde er zum Universitätsprofessor ernannt. Haller hat über 400 wissenschaftliche Arbeiten publiziert und mehrere Bücher veröffentlicht, darunter „Die Seele des Verbrechers“, „Das ganz normale Böse” und sein neuestes Buch „Die Macht der Kränkung”. 2016 referierte er auf dem Medicinicum Lech u. a. zum Thema „Vom Denken in den Bergen“.

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